Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre,
die Chemieindustrie steht unter Druck – weltweit, aber vor allem in Europa. Anders als erwartet war die Nachfrage in vielen Abnehmerbranchen 2025 nach wie vor schwach. Ursächlich hierfür war nicht zuletzt eine enorme Marktunsicherheit. Befeuert von Handelskonflikten und geopolitischen Krisen führte sie dazu, dass Bestellungen zurückgehalten und Investitionen verschoben wurden. So haben wir 2025 insgesamt weniger produziert und verkauft.
Zugleich müssen wir konstatieren, dass wir es nicht nur mit einer konjunkturellen Delle, sondern mit grundlegenden Veränderungen zu tun haben. Neue Wettbewerber drängen auf den Markt, Überkapazitäten bei vielen chemischen Standardprodukten zeichnen die aktuelle Situation. Erschwerend hinzu kommen strukturelle Nachteile in Europa, wie etwa die weiterhin viel zu hohen, international nicht wettbewerbsfähigen Energiepreise und die überbordende Regulierung. Ein klarer Nachteil gegenüber unseren Wettbewerbern in den USA und Asien.
Angesichts dieser komplexen Gemengelage mussten wir wie viele andere Chemieunternehmen auch unsere ursprünglichen Ziele für 2025 unterjährig nach unten anpassen. Mit einem Jahresumsatz von 5,5 Mrd. € und einem EBITDA von rund 530 Mio. € vor Sonderaufwendungen haben wir sowohl die angepasste Prognose als auch die Markterwartungen erfüllt. Doch auch wenn wir das Jahr 2025 letztlich im Rahmen der Erwartungen abgeschlossen haben, klar ist ebenso: Wir können uns damit nicht zufriedengeben.
Das gilt vor allem auch mit Blick für unser Jahresergebnis. Aufgrund einer Reihe von Wertberichtigungen lag dieses 2025 mit über -800 Mio. € weit im negativen Bereich. Aufgrund des negativen Jahresergebnisses und der aktuellen Situation schlagen Vorstand und Aufsichtsrat der Hauptversammlung vor, für das Geschäftsjahr 2025 keine Dividende auszuschütten.
Um WACKER wieder auf Erfolgskurs zu bringen, haben wir im letzten Jahr PACE gestartet, das größte Kostenprojekt in der Geschichte von WACKER – mit dem klaren Ziel, Kosten signifikant zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu stärken. Konkret wollen wir mit PACE unsere Produktions- und Verwaltungskosten um über 300 Mio. € pro Jahr reduzieren.
Über 300 Mio. € pro Jahr wollen wir einsparen
Teil von PACE wird auch ein Personalabbau sein. Es werden über 1.500 Stellen weltweit wegfallen; der Großteil davon an unseren deutschen Standorten. Daran führt kein Weg vorbei. Wir müssen uns verändern, um am Markt weiterhin erfolgreich zu sein.
Veränderung bringt Unsicherheit. Aber sie birgt vor allem auch Chancen. Die Chance, WACKER in der Spitzengruppe der weltweit führenden Chemieunternehmen fest zu verankern und wieder auf den profitablen Wachstumskurs zu führen.
Wir haben das Potenzial dafür. Keine Frage. Denn wir haben Antworten auf die großen Menschheitsfragen. Wir liefern Lösungen für erneuerbare Energien, Elektromobilität, das Bauen der Zukunft, Gesundheit und Medizintechnik ebenso wie für Ernährung. Unsere Produkte helfen zudem unseren Kunden, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Sie tragen nachweislich zu CO2-Reduktion und Ressourcenschonung bei.
Um diese Megatrends zu bedienen, haben wir auch 2025 zielgerichtet investiert. Denn Sparen allein reicht nicht. Wir müssen auch in die Zukunft investieren, Innovationen vorantreiben und die Basis für neues, profitables Wachstum schaffen. Ein Beispiel dafür ist unsere neue Fertigungslinie für Halbleiter-Polysilicium, die wir 2025 in Burghausen in Betrieb genommen haben. Mit der neuen Anlage haben wir nicht nur unsere Kapazitäten erweitert, sondern auch die Qualität des Materials noch einmal erhöht. Damit stärken wir unsere Position als globaler Markt- und Qualitätsführer für höchstreines Polysilicium, das in Halbleitern zum Einsatz kommt. Bereits heute steckt in jedem zweiten Computerchip Polysilicium von WACKER. Und der Markt wächst stetig.
Wachstumschancen sehen wir auch im Bereich Biotechnologie. Im Fokus stehen dabei biotechnologische Lösungen für den Pharma- und Ernährungsbereich. Mit der Eröffnung des WACKER Biotechnology Centers in München haben wir im vergangenen Jahr unsere Forschungskapazitäten erweitert und unsere Innovationskraft gestärkt.
Wir werden den vor uns liegenden Wandel erfolgreich gestalten. Denn wir haben nicht nur die richtigen Produkte und Lösungen für die Zukunft, sondern vor allem auch das richtige Team.
Zugleich forcieren wir unser Wachstum in den Chemiebereichen. Beispielsweise haben wir mit der Inbetriebnahme von zwei neuen Produktionsanlagen für Silicone im japanischen Tsukuba und im südkoreanischen Jincheon 2025 unsere Spezialitätenstrategie weiter vorangetrieben. Zudem errichten wir im tschechischen Karlsbad einen neuen Produktionsstandort, an welchem ab 2026 raumtemperaturvernetzende Hochleistungssilicone produziert werden. Diese spielen insbesondere für Anwendungen im Bereich Elektromobilität und erneuerbare Energie eine wichtige Rolle.
Um unser Potenzial noch besser zu entfalten, haben wir im Frühjahr 2025 drei übergeordnete strategische Prioritäten formuliert, die uns den Weg in Richtung Zukunft weisen.
Erstens: Wir schärfen unser Geschäftsmodell. In unseren Chemiebereichen konzentrieren wir uns auf Spezialitäten. Im Geschäftsbereich Polysilicium setzen wir den Fokus auf den Halbleitermarkt. In unserer Life-Science-Sparte Biosolutions liegt der Schwerpunkt auf biotechnologischen Lösungen.
Zweitens: Wir verbessern unsere Strukturen und Prozesse. Wir arbeiten daran, schneller und effizienter zu werden. Dabei nutzen wir die Möglichkeiten, die uns Digitalisierung, Automatisierung und KI eröffnen.
Drittens: Wir stärken unsere Unternehmenskultur. Dabei bildet das Thema Arbeitssicherheit die Grundlage für alles, was wir tun. Gleichzeitig arbeiten wir daran, uns noch diverser aufzustellen und den Leistungsgedanken weiter zu schärfen.
Unsere Strategie und die ergriffenen Maßnahmen werden greifen und WACKER wieder auf Erfolgskurs bringen. So hat WACKER in der über hundertjährigen Unternehmensgeschichte wiederholt bewiesen, dass wir uns erfolgreich an neue Gegebenheiten anpassen können. Daher bin ich überzeugt: Wir werden auch den vor uns liegenden Wandel erfolgreich gestalten. Denn wir haben nicht nur die richtigen Produkte und Lösungen für die Zukunft, sondern vor allem auch das richtige Team, um die Herausforderungen zu meistern. Unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit möchte ich daher im Namen des gesamten Vorstands herzlich danken – für ihren Einsatz und ihr Commitment in diesen turbulenten Zeiten.
Die Zeiten werden auch 2026 herausfordernd bleiben. Umso wichtiger ist es, dass wir den eingeschlagenen Pfad nun konsequent weiterverfolgen. Denn der Markt wartet nicht. Geschwindigkeit wird immer mehr zu einem zentralen Differenzierungsmerkmal. Deshalb heißt es für uns mit Blick auf alle Maßnahmen: Tempo, Tempo, Tempo. 2026 wird das Jahr der Umsetzung – mit Spirit, Speed und Confidence.
Im Namen des gesamten Vorstandsteams danke ich Ihnen für Ihr Vertrauen in WACKER.
Dr. Christian Hartel
Vorsitzender des Vorstands der Wacker Chemie AG