Geschäftsbericht 2022

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Creating tomorrow’s solutions

Polymere

Zaubermittel für mehr Energieeffizienz am Bau

Bei Dispersionspulvern auf Basis von Vinylacetat-Ethylen ist WACKER schon heute weltweiter Marktführer. Klimaschutz und Energieeffizienz sind zwei wichtige Treiber für weiteres Wachstum in diesem Geschäft. Denn für die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden braucht es leistungsfähige Dämmungen, bei denen das weiße Pulver eine wichtige Rolle spielt. Wie Polymere von WACKER dabei helfen, weltweit den co2-Ausstoß und die Energiekosten zu senken.

Baustelle in der Dämmerung (Foto)
Der Bausektor ist einer der wichtigsten Absatzmärkte von WACKER. Besonders im Fokus steht dabei die Isolierung von Gebäuden.

Wenn sie über ihre Produkte spricht, ist Tanja Gebhard ihre Begeisterung anzumerken: „Unsere Pulver und Dispersionen, das sind eigentlich richtige Zaubermittel. Es braucht nur wenig davon, um Trockenmörteln wie Fliesenklebern und Verlaufsmassen neue und wesentlich bessere Eigenschaften zu geben“, sagt die Wirtschaftschemikerin. Gebhard ist bereits seit 15 Jahren bei WACKER, verantwortet im Polymergeschäft das Management der verschiedenen Marktsegmente und gibt für diese die globale strategische Ausrichtung vor. Die Rede ist von Dispersionspulvern und Dispersionen auf der Basis von Vinylacetat-Ethylen, kurz VAE. Schon seit den 1930er-Jahren produziert WACKER solche VAE-Dispersionen, zunächst als Kleber für die Holzindustrie oder als Bindemittel für Papier und Textilgewebe, später dann auch für Anwendungen am Bau.

Anfang der 1950er-Jahre hatte dann der WACKER-Chemiker Max Ivanovits eine zündende Idee bei einer Tasse Instantkaffee: Das Prinzip „Wasser auf Pulver“ müsste auch mit den flüssigen Dispersionen funktionieren. Fertige Trockenmörtelmischungen, die das Dispersionspulver als Additiv bereits enthalten, werden auf der Baustelle einfach mit Wasser angerührt, anstatt die Flüssigdispersionen aufwendig mit anderen Komponenten zu fertigem Mörtel zu mischen.

„40 Prozent des weltweiten Primärenergieverbrauchs entfallen auf Gebäude.“

Tanja Gebhard, Wirtschaftschemikerin und Polymerexpertin
Tanja Gebhard (Foto)
Wirtschaftschemikerin Tanja Gebhard verantwortet im Polymergeschäft das Management der verschiedenen Marktsegmente.

Es dauerte noch eine ganze Reihe von Jahren, bis sich die neuen Trockenmischungen am Markt durchsetzten. Heute aber ist WACKER POLYMERS bei VAE-Dispersionspulvern mit Abstand weltweiter Marktführer. Rund 400.000 Tonnen hat der Geschäftsbereich im vergangenen Jahr an Kunden in aller Welt verkauft. Besonders im Fokus steht dabei der Bausektor. Mehr als 60 Prozent seines Umsatzes macht der Geschäftsbereich mit Polymeren, die in Produkte rund um das Bauen und Renovieren gehen. Eine der wichtigsten Anwendungen ist dabei die Isolierung von Gebäuden.

 

Energetische Gebäudesanierung ist groß im Kommen

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Der Klimaschutz und die hohen Energiepreise machen eine energetische Sanierung attraktiv. Gebäude verbrauchen jede Menge Energie. Haupttreiber sind dabei die Heizung und die Klimatisierung. „Insgesamt entfallen etwa 40 Prozent des weltweiten Primärenergieverbrauchs auf Gebäude und gleichzeitig stehen sie für ein Drittel der weltweiten CO2-Emissionen“, weiß Tanja Gebhard. Viel von der eingesetzten Energie geht dabei ungenutzt verloren. „Davon entfallen allein auf die Außenwände eines Hauses – wenn sie nicht gedämmt sind – bis zu 40 Prozent“, sagt die Expertin.

Papierverpackungen im Aufwind

Papier als Verpackungsmaterial liegt im Trend. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Papier und Pappe lassen sich vergleichsweise einfach recyceln und eignen sich damit gut für Konzepte der Kreislaufwirtschaft.

Die Ellen McArthur Foundation hat insgesamt 130 Unternehmen aus „verpackungsintensiven“ Branchen wie Nahrungsmittel und Getränke, Einzelhandel oder Kosmetik zu ihren Verpackungsstrategien befragt. Betrachtet wurden dabei mehr als 340 unterschiedliche Verpackungen. Das Ergebnis: Für den Großteil dieser Verpackungen – nämlich mehr als 70 Prozent – sehen die Unternehmen einen Materialwechsel als die Methode der Wahl an. Dabei spielt der Ersatz durch eine Papierverpackung mit über einem Viertel die größte Rolle. Für Verpackungen aus Papier oder Karton braucht es geeignete Klebstoffe – und hier kommt WACKER mit seinen VAE-Dispersionen ins Spiel. Bei den Verpackungsklebstoffen machen wasserbasierte Lösungen schon heute 50 Prozent des Gesamtmarktes aus. Ein Fünftel davon entfällt auf VAE, das sind rund 1,2 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig rechnen die Branchenanalysten von Smithers Pira damit, dass der weltweite Markt für wasserbasierte Verpackungskleber bis 2027 um jährlich 3,5 Prozent wachsen wird.

WACKER hat bei Klebstoffen auf Basis von VAE bereits heute eine führende Marktstellung. Der zunehmende Trend zu Papierverpackungen – in verschiedenen Bereichen des stationären Handels und auch des Online-Versands – eröffnet dem Geschäftsbereich WACKER POLYMERS attraktive Wachstumsmöglichkeiten.

Die gute Nachricht lautet: Es gibt für dieses Problem eine einfache und bewährte Lösung. Eine gut funktionierende Gebäudeisolierung senkt den Energieverbrauch von Häusern und damit auch ihre CO2-Emissionen ganz erheblich. „Dass das nicht nur für kalte Regionen gilt, sondern auch für warme, konnten wir an einem Modellhausprojekt in Dubai zeigen, das wir dort gemeinsam mit einem staatlichen wissenschaftlichen Labor durchgeführt haben“, betont Gebhard. „Durch eine Gebäudeisolierung lässt sich der Stromverbrauch von Klimaanlagen um bis zu zwei Drittel reduzieren.“

Weißes Wohnhaus (Foto)
Eine gut funktionierende Gebäudeisolierung senkt die CO2-Emissionen von Häusern ganz erheblich. Der Stromverbrauch von Klimaanlagen lässt sich so um bis zu zwei Drittel reduzieren.

Außen angebracht verhindert eine Dämmung, dass die Mauern im Winter zu stark auskühlen oder sich im Sommer unnötig aufheizen. Doch damit das Verbundsystem seine isolierende Wirkung optimal entfalten kann, muss es sorgfältig mit der Wand verklebt sein und die einzelnen Schichten des Systems müssen fest aufeinanderhaften. „Genau dafür sorgen unsere Dispersionspulver“, erklärt Gebhard. Gleichzeitig machen die Polymere die dünne Außenhaut des Dämmsystems flexibel und schützen sie so vor Rissen, durch die etwa Regenwasser eindringen kann, und vor mechanischen Beschädigungen, zum Beispiel durch Hagel. Bindemittel von WACKER sind deswegen der Schlüssel für ein dauerhaft haltbares Dämmsystem.

„Bis 2030 müssen in Europa 35 Millionen Gebäude energetisch saniert werden. Die Investitionen dafür schätzt die EU-Kommission auf 275 Milliarden Euro pro Jahr.“

Tanja Gebhard, Wirtschaftschemikerin und Polymerexpertin

„In den nächsten Jahren wird der Einsatz von Dämmsystemen an Gebäuden weiter kräftig an Fahrt gewinnen“, ist sich Tanja Gebhard sicher. In Europa liegt das größte Potenzial dabei nicht im Neubau, sondern in der energetischen Nachrüstung von Bestandsgebäuden. Die Zahlen sprechen hier eine eindeutige Sprache. Nach einer Untersuchung der Europäischen Kommission werden etwa 90 Prozent der heute vorhandenen Bausubstanz auch 2050 noch genutzt werden. Gleichzeitig sind drei Viertel der bestehenden Gebäude nicht energieeffizient.

VAE-Dispersionspulver (Foto)
Bei VAE-Dispersionspulvern ist WACKER mit großem Abstand weltweiter Marktführer.

Dabei sieht der „European Green Deal“ vor, dass der CO2-Ausstoß in Europa bis 2030 um mehr als 55 Prozent gegenüber dem Wert von 1990 sinken soll. Und im Jahr 2050 soll die EU dann vollständig klimaneutral sein. „Um diese Ziele zu erreichen, sind einige sehr dicke Bretter zu bohren, gerade auch im Baubereich“, sagt Gebhard und fügt hinzu, dass sie – so wie die gesamte Bauindustrie – für Europa in den kommenden Jahren eine regelrechte Renovierungswelle erwartet. Auch hierzu verweist sie auf Zahlen der Europäischen Kommission. Bis 2030 müssen demnach 35 Millionen Gebäude energetisch saniert werden. Die dafür erforderlichen Investitionen schätzt die EU-Kommission auf jährlich 275 Milliarden Euro.

Doch nicht nur in Europa ist Gebäudeisolierung als effizienter Beitrag zum Klimaschutz ein großes Thema. Auch in anderen Regionen liegt die Dämmung am Bau voll im Trend. So hat sich zum Beispiel China zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2060 klimaneutral zu werden, und nimmt dafür auch den Bausektor in den Blick. Der aktuelle Fünfjahresplan Pekings sieht bei der Energieeffizienz von Gebäuden unter anderem vor, dass eine Gebäudefläche von mehr als 350 Millionen Quadratmetern energetisch saniert werden soll. Der weltweite Trend zu mehr Energieeffizienz am Bau bedeutet für WACKER POLYMERS beste Chancen, im Geschäft mit Dispersionspulvern auch in den kommenden Jahren weiter zu wachsen.

Recyclingbeton statt Sand

Sand ist die größte gehandelte Feststoff-Ressource der Welt: Nach Schätzungen der Vereinten Nationen verbraucht die Menschheit jährlich 50 Milliarden Tonnen davon – Tendenz steigend. Sand steckt unter anderem in Beton, Ziegelsteinen, Gläsern, Straßen, Dämmen und Solaranlagen.

Eigentlich sollte man meinen, dass gerade an Sand auf der Welt kein Mangel herrscht. Schließlich gibt es in den großen Wüsten der Erde jede Menge davon. Das Problem: Wüstensand ist schlichtweg ungeeignet als Zuschlagstoff in Baustoffen. Denn erstens wurden diese Sandkörner im Laufe der Jahrtausende durch Winde rund geschliffen. Ohne Kanten können sich die Körner nicht untereinander verhaken – eine wichtige Voraussetzung für den Einsatz in Baustoffen. Hinzu kommt: Wüstensand ist zu feinkörnig, um ihn in Beton zu verwenden. Deshalb wird Sand für den Bau vor allem aus Flüssen oder an Meeresstränden gewonnen, mit erheblichen Auswirkungen auf die Umwelt in Vietnam zum Beispiel, wo das Delta des Flusses Mekong wegen des Sandabbaus immer mehr verschwindet.

WACKER hat jetzt einen Weg gefunden, um Quarzsand in Trockenmörteln und speziell in Fliesenklebern durch recycelten Beton zu ersetzen. Fliesenkleber bestehen aus mindestens drei Komponenten: Bindemittel, Additive und Zuschlagsstoffe. Als Bindemittel dienen neben Zement Vinylacetat-Ethylen-Copolymere. Sie verbessern die Verklebung der Fliesen mit dem Untergrund und verleihen dem Fliesenkleber mehr Flexibilität – wichtig für die dauerhafte Haltbarkeit der gefliesten Fläche.

Der wichtigste Zuschlagsstoff in Fliesenklebern ist Quarzsand. Sein Anteil am fertigen Kleber beträgt typischerweise 50 bis 60 Gewichtsprozent. Untersuchungen von WACKER haben jetzt gezeigt, dass der Sand bis zur Hälfte durch feinkörnigen recycelten Beton ersetzt werden kann, ohne dass sich dadurch die Eigenschaften des Fliesenklebers verschlechtern. Es stellte sich im Gegenteil heraus, dass mit Granulat aus Recyclingbeton formulierte Fliesenkleber herkömmlichen Mischungen in manchen Aspekten sogar überlegen waren: Je höher der Anteil des recycelten Betons, umso besser war die Benetzungsfähigkeit und damit die „offene Zeit“, in der die Fliesen in den Mörtel eingelegt werden können, bevor dieser abbindet – ein erheblicher Vorteil für den Fliesenleger.

Gleichzeitig ergaben Messungen der Haftzugfestigkeit, dass die Klebkraft des Fliesenklebers auf Basis von recyceltem Beton mindestens genauso gut ist wie die von herkömmlichen Formulierungen. Zu verdanken ist das dem WACKER-Dispersionspulver VINNAPAS® 8620 E, das für die hohe Flexibilität des Fliesenklebers sorgt. Recycelter Beton, das belegen die Messungen von WACKER, kann also Quarzsand in Fliesenklebern ersetzen. Das schont natürliche Ressourcen.

WACKER POLYMERS – Strategie & Ziele

Smartes Bauen, Kleben und Beschichten

Wachstum

Umsatz um den Faktor 1,5 – 2 höher als in der Vergangenheit

Profitabilität

EBITDA-Marge > 20 Prozent ROCE > 2x Kapitalkosten

Investitionsschwerpunkte

Kapazitätsausbau in allen Regionen, Innovationen, kleinere Akquisitionen zur Ergänzung des Portfolios

Fokusmärkte

Bau, Klebstoffe, Verpackungen, Beschichtungen

WACKER POLYMERS ist Weltmarktführer bei Dispersionen und Dispersionspulvern auf Basis von Vinylacetat-Ethylen. Diese Marktposition, die auf einem globalen Netzwerk und starker regionaler Präsenz basiert, soll für weiteres Wachstum genutzt werden. In den kommenden Jahren will der Geschäftsbereich seine Produktion deutlich steigern, vor allem in Europa und Asien. Geplant ist, die Kapazitäten bis 2030 zu verdoppeln. WACKER POLYMERS entwickelt verstärkt nachhaltige Produktlösungen, die unter anderem auf nachwachsenden Rohstoffen basieren. Ebenso gewinnen kundenspezifische Lösungen zunehmend an Bedeutung. Dieses Portfolio soll weiter ausgebaut werden. Die Kundennachfrage bei WACKER POLYMERS steigt stetig, getrieben durch die Themen Renovierung, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Die zahlreichen Programme von Regierungen weltweit, wie etwa der European Green Deal oder Chinas Pläne, bis zum Jahr 2060 Klimaneutralität zu erreichen, geben der Bauwirtschaft in diesem Bereich zusätzliche positive Impulse. Dazu kommt eine steigende Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen aus dem Consumer-Bereich, etwa bei Klebstoffen für Verpackungen. Hier geht der Trend verstärkt zu Lösungen auf Papier- statt Plastikbasis. Im Jahr 2030 will WACKER POLYMERS eine EBITDA-Marge von über 20 Prozent erwirtschaften und mehr als zweimal seine Kapitalkosten verdienen. Um das zu erreichen, setzt der Geschäftsbereich seinen Kapazitätsausbau weiter fort und investiert dazu in allen Regionen.

Dispersionen
Binäres System, in dem ein fester Bestandteil in fein verteilter Form in einem anderen Bestandteil vorliegt. VINNAPAS®Dispersionen sind Vinylacetatbasierende Co- und Terpolymere in flüssiger Form, die hauptsächlich als Bindemittel in der Bauindustrie dienen, z. B. für Fugenmörtel, Grundierungen, Putze oder Primer.
Dispersionspulver
Entsteht durch Trocknen von Dispersionen in sogenannten Sprüh- oder Scheibentrocknern. VINNAPAS®Dispersionspulver werden als Bindemittel in der Bauindustrie, z. B. für Fliesenkleber, Selbstverlaufsmassen, Reparaturmörtel etc. empfohlen. Die Pulver verbessern Adhäsion, Kohäsion, Flexibilität und Biegezugfestigkeit, Wasserrückhaltevermögen und die Verarbeitungseigenschaften.
Emission
Von einer Anlage in die Umwelt ausgehende Stoffausträge, Geräusche, Erschütterungen, Licht, Wärme oder Strahlen.
Ethylen
Ein farbloses, schwach süßlich riechendes Gas, das unter Normalbedingungen leichter als Luft ist. Es wird als chemisches Zwischenprodukt für eine Vielzahl von Kunststoffen benötigt, wie Polyethylen und Polystyrol. Daraus entstehen Produkte z. B. für Haushalt, Landwirtschaft oder Automobilbau und die Baubranche.
Polymer
Polymere sind große Moleküle, die aus Ketten von Untereinheiten (Monomere) bestehen. Ein Polymer enthält zwischen 10.000 und 100.000 Monomere. Ein Polymer kann langgestreckt sein oder als Knäuel vorliegen.
VINNAPAS®
VINNAPAS® ist der Markenname für Dispersionen, Dispersionspulver, Festharze und deren Lösungen von WACKER. VINNAPAS® Dispersionen und -Dispersionspulver werden hauptsächlich in der Bauindustrie als polymere Bindemittel eingesetzt, z. B. für Fliesenkleber, Wärmedämmverbundsysteme, Selbstverlaufsmassen und Putze.